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Infekte & Co.: Warum sie auch etwas Gutes haben

Krankheiten begleiten Kinder (und Eltern) oft länger, als ihnen lieb ist. Wieso das, zumindest in Maßen, zu einer normalen Entwicklung dazu gehört und Infekte sogar gut sind, das beantwortet Dr. Herbert Renz-Polster in diesem Interview. Außerdem gibt er praktische Tipps, wie die Genesung der Kinder unterstützt werden kann.

Interview

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Gerade kleine Kinder sind oft krank. Wieso gehört das zu einer normalen Entwicklung dazu?

Säuglinge werden ja mit einer Art Schutzschild geboren, nämlich dem so genannten Nestschutz. Der besteht darin, dass die Mutter dem Kind ihre eigenen, gegen bestimmte Erreger gebildeten Antikörper mit in den Blutkreislauf gibt. Diese geliehene Immunität läuft allerdings allmählich aus, weil die Antikörper abgebaut werden. Nach etwa sechs bis zwölf Monaten – die genaue Zeit hängt vom Erreger ab und wie stark der Schutz bei der Mutter war – stehen die Kinder dann immunologisch auf eigenen Beinen. Jetzt machen sie jeden Infekt durch, und natürlich häuft sich das dann gerade bei den Kindern, bei denen der Nestschutz im Winter ausläuft. Denn das ist nun mal die Zeit, in der die Mikroben Party feiern. Und wenn die Kinder dann in dieser Zeit auch noch in die Krippe kommen, dann geht ein Infekt praktisch in den anderen über. Die Häufung von Infekten geht dann typischerweise durch das ganze Kleinkindalter, erst in der Schulzeit entspannt sich das ein bisschen, jetzt haben die Kinder eben schon sehr viele Erreger durchgemacht und entsprechend Schutz aufgebaut. Aber ja, das ist schon eine mühsame Zeit für die Kinder und die Familien, denn wenn man bedenkt, dass kleine Kinder pro Jahr etwa 12 bis 15 Infekte durchmachen, dann kann man sich ausrechnen, wie oft sie in der kalten Jahreszeit krank sind.

In welchen Abständen/in welcher Regelmäßigkeit sind Infektionskrankheiten sogar gut?

Das ist schwer zu beantworten, denn in einem gewissen Sinn ist jeder Infekt gut, weil danach dann gegen diesen Erreger eine Zeit lang ein Schutz besteht. Auch merken Eltern, dass Kinder durch Krankheiten manchmal innerlich wachsen – vielleicht, weil sie die Welt aus einem anderen Blickwinkel kennen lernen, mehr in sich gehen und dieser Zeit der Bedürftigkeit die Nähe ihrer versorgenden Mitmenschen besonders spüren, sich also ihrer Bindungen versichern. Es wäre aber falsch, deshalb das Hohelied der Krankheiten anzustimmen oder gar zu sagen: Je mehr Infekte, desto besser. Denn zum einen: Das Kind bezahlt ja für seine Infekte auch einen Preis, es leidet, schläft schlecht, ist verstimmt. Das lässt sich austarieren, wenn das Kind auch viele gesunde Phasen hat. Aber wenn sich ein Kind immer nur von Infekt zu Infekt schleppt, dann ist das gewiss kein Rückenwind für seine Entwicklung, es hat ja dann nur selten leuchtende Augen und den Entdeckerdrang, von dem Kinder regelrecht leben.

Auch ist es – überraschend oft zu hörendes – Missverständnis, dass durch viele Infekte das „Immunsystem gestärkt“ wird. Die Kinder erwerben durch einen Infekt einen Schutz gegen den durchgemachten Erreger, aber es ist nicht so, dass dadurch das Immunsystem insgesamt stärker würde. Kommt das nächste Schnupfenvirus – von denen gibt es über 100 Typen – werden sie genauso krank wie das Nachbarkind, das den letzten Infekt ausgelassen hat. Auch Kinder, die wenig Infekte haben, haben deshalb keinen Immundefekt. Also, um nochmal auf die Frage zurückzukommen: Es ist alles eine Frage der Dosis, und Eltern können das auch ganz gut einschätzen: Wenn ihr Kleinkind ab und zu krank ist, packen alle das gut, aber Dauerinfekte gehen bei allen an die Substanz.

Wie unterstütze ich mein Kind dabei, gesund zu werden?

Das Schöne ist, dass die Gesundung ja schon im Kind angelegt ist – eben die angelegten Wege des Immunsystems zur Heilung. Das heißt aber nicht, dass Eltern die Heilung nicht unterstützen können. Insbesondere, indem sie dem Kind eine Wohlfühlhülle geben, denn Wohlfühlen ist das Gegenteil von Stress – und von dem wissen wir, dass er Heilung behindert. Deshalb sollen kranke Kinder auch nicht in die Kita oder Schule. Sie brauchen jetzt Schutz, ein ruhiges und vor allem ihr eigenes Tempo. Und sie brauchen Wärme in einem ganzheitlichen Sinne, denn sie sind ja jetzt ganz schön ausgesetzt, wenn sie leiden. Eine solche wärmende Atmosphäre kann sich durch Rituale einstellen, durch Vorlesen, auch durch Massagen oder Einreibungen, oder auch durch den duftenden Apfelkuchen, oder andere gute Gerüche.

Wie kann ich mein Kind in der Infektionszeit stärken und soll ich das überhaupt?

Oh weh, das wäre jetzt ein ganzes Buch. Aber ganz grob kann man ein paar Unterstützer der Gesundheit nennen. Da ist das Binnenklima in der Familie, also wie gut sich ein Kind unterstützt und angenommen fühlt. Gestresste Kinder sind häufiger krank, und Kinder mit leuchtenden Augen auch gesundheitlich eher robust. Dann braucht ein Kind das Spielen und Bewegen – Kinder sind Bewegungsmenschen und dauernde Schatzsucher, und sie werden auch dadurch selbstbewusst, dass sie in ihrem Körper „mächtig“ werden – das ist auch für die Abwehrkraft ein Plus. Und viel draußen sein kommt ihnen da natürlich absolut entgegen, und das nicht nur wegen der besseren Versorgung mit Vitamin D, sondern auch wegen der besseren Fitness – und den strahlenden Augen.

Dr. Herbert Renz-Polster

ist Kinderarzt, Wissenschaftler und Autor und befasst sich seit vielen Jahren nicht nur mit Fragen der Kindergesundheit, sondern vor allem mit der kindlichen Entwicklung und den ganz alltäglichen Fragen.

Zu seinen Büchern zählen Bestseller wie "Gesundheit für Kinder" und "Kinder verstehen".

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