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Erste Hilfe und Notfallapotheke für Kinder

Ein Knall, ein Schrei – und schon ist es passiert: Der Stuhl liegt am Boden, das Kind auch. Auf der Stirn prangt eine Beule. Was tun? Kinder- und Jugendmediziner Prof. Dr. med. Alfred Längler kennt die häufigsten Missgeschicke bei Kindern aus Erfahrung und gibt wertvolle Tipps, was Eltern im Ernstfall tun können. Der Mediziner verrät außerdem, welche Medikamente und Hilfsmittel in eine gut sortierte, kindgerechte Notfallapotheke gehören.

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„Die Frage nach einer Haus- oder Notfallapotheke für Kinder bekomme ich in der Sprechstunde häufig gestellt“, erklärt Prof. Dr. med. Alfred Längler schmunzelnd. Der Mediziner leitet die Abteilung Kinder- und Jugendmedizin am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, dessen ärztlicher Direktor er gleichzeitig ist. „Meiner Meinung nach ist es jedoch überhaupt nicht nötig, auf einen Schlag ein ganzes Warenlager an Medikamenten zu kaufen – zumal sie nur begrenzt haltbar sind. Mein Rat lautet, die Medikamente, die der Kinderarzt in akuten oder chronischen Fällen verschreibt, sauber aufzubewahren und bei Bedarf zu ersetzen. Mit der Zeit baut sich so eine individuelle Kinderapotheke ganz von selbst auf.“ Was nach Länglers Aussage immer vorrätig sein sollte: Eine Salbe/Essenz gegen stumpfe Verletzungen wie Zerrungen, Quetschungen und Blutergüsse sowie ein Gel/eine Salbe bei kleinen Verbrennungen und Insektenstichen. (Eine vollständige Checkliste gibt’s unten.) Außerdem sei es ratsam, sich im Vorfeld über die häufigsten Notfälle zu informieren, um im Zweifelsfall nicht in Panik zu geraten.

Notfälle bei Säuglingen

Ein Sturz von der Wickelkommode sei mit Abstand der häufigste Notfall, weshalb Babys in die Notaufnahme gebracht würden. Längler erläutert: „Wenn die Kleinen sich zum ersten Mal drehen, passiert das in der Regel überraschend. Ich rate Eltern deshalb, stets eine Hand am Kind zu behalten.“ Zwar passiere meist nichts allzu Schlimmes – die Kinder weinten und hätten einen Schreck – dennoch sei eine Vorstellung beim Kinderarzt oder in der Notaufnahme ratsam. In den meisten Fällen bliebe es bei Prellungen und/oder einer leichten Gehirnerschütterung, aber ein Schädel-Hirn-Trauma müsse ausgeschlossen werden. „Vom Wickeltisch gestürzte Säuglinge nehmen wir in der Regel für mindestens eine Nacht stationär auf“, sagt der Kinderarzt.

+ Baby nach einem Sturz beim Kinderarzt oder in der Notaufnahme vorstellen.

+ Unverzüglich den Notarzt rufen, falls das Baby bewusstlos ist.

Notfälle bei Kleinkindern

1) Verschlucken/Einatmen

„Bei Patienten im Kleinkindalter muss ich häufig Fremdkörper irgendwo rausholen“, erklärt Längler. „In der oralen Phase stecken sie einfach alles in den Mund, was ihnen in die Finger kommt.“ Es hilft schon, das Umfeld möglichst frei von kleinen Gegenständen zu halten. Vor allem Batterien wie Knopfzellen seien ein echtes Problem. Sie blieben in der Speiseröhre stecken und verursachten Verätzungen – weshalb sie zwingend innerhalb von zwei Stunden in Vollnarkose entfernt werden müssten. „Auch mit verschluckten Magneten hatte ich schon zu kämpfen“, erinnert sich der Kinderarzt. „Das ist besonders gefährlich, wenn es sich um mehrere Magneten handelt, die sich gegenseitig anziehen.“

+ Falls möglich, ein Muster des verschluckten/eingeatmeten Gegenstandes zum Arzt mitbringen.

2) Fremdkörper

Auch die Erbse in der Nase gehört zu den klassischen „Unfällen“ im frühen Kindesalter. Alfred Längler empfiehlt: „Ruhig bleiben und möglichst keine eigenen Versuche unternehmen, den Gegenstand herauszubekommen. Oft gerät der Fremdkörper dadurch nur noch tiefer hinein.“

+ Zum Facharzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde gehen.

3) Vergiftungen

„Herumliegende Medikamente sind eine häufige Vergiftungsursache bei Kindern“, erklärt Dr. Längler. Auch farbenfrohe Putzmittel oder bunte Beeren im herbstlichen Garten können auf kleine Leute verführerisch wirken. „In solchen Fällen zuerst den Giftnotruf anrufen, die Umstände schildern und möglichst genau beschreiben, was das Kind eingenommen hat. Fotos sind hilfreich. Geschulte Mitarbeiter beraten rasch und kompetent und sagen den Anrufern, was nun zu tun ist.“

+ Giftnotrufzentrale anrufen.

4) Fieberkrampf

„Ein fiebergebundener Krampfanfall versetzt Eltern in der Regel in Angst und Panik – besonders, wenn er das erste Mal auftritt“, weiß der Kinderarzt. „Das Geschehen wirkt, als stürbe das Kind und die Eltern müssten hilflos zusehen.“ Doch gerade jetzt sei Besonnenheit wichtig: Zeit stoppen oder, noch besser, ein Video des krampfenden Kindes für den Arzt aufnehmen. Der typische Fieberkrampf endet meist innerhalb von 3 Minuten. Sicherstellen, dass sich das Kind nicht verletzen kann, aber nicht die Arme festhalten.

+ Notarzt rufen, falls der Fieberkrampf nicht innerhalb von 3 Minuten endet.

+ Nach überstandenem Anfall beim Kinderarzt oder in der Klinik vorstellen. Das Kind wird ggf. mit krampflösenden Medikamenten behandelt und meist stationär zur Überwachung aufgenommen.

5) Pseudokrupp

Typischerweise tritt Pseudokrupp in den Wintermonaten auf, meist kurz nach Mitternacht bzw. gegen 1 Uhr nachts. Der Husten ist bellend, außerdem keucht das Kind beim Einatmen. „Auch hier gilt es, die Ruhe zu bewahren“, mahnt Längler. „Auch wenn’s schwerfällt: Mit dem kranken Kind im Arm ins Freie gehen, denn die feuchte, kühle Luft bringt sofortige Linderung.“ Eine Alternative sei, im Bad die Dusche ganz heiß aufzudrehen und das Kind den feuchten Dampf atmen zu lassen. Der alte Tipp, den Kopf nach unten hängen zu lassen, sei hingegen nicht empfehlenswert.

+ Das hustende, keuchende Kind ins Freie bringen.

+ Ab ins Krankenhaus, wenn diese Maßnahme keine Linderung verschafft.

Notfälle im Schulalter

1) Sturz oder Sportunfall

„Im Schulalter und bei Jugendlichen treten Stürze und Sportunfälle besonders häufig auf“, weiß Prof. Dr. med. Längler aus Erfahrung. Bei Unfällen ab 20 Kilometern pro Stunde (etwa mit dem Fahrrad, dem Skateboard etc.) komme in der Regel ohnehin meist der Rettungsdienst, der fachkundig versorgt. Für Eltern gelte die Faustregel: Wenn nach dem Sturz eine erhebliche Bewegungseinschränkung auftritt oder der Verlauf sich verschlechtert, bitte ärztliche Hilfe suchen. „Dabei durchaus auf das eigene Bauchgefühl vertrauen“, empfiehlt der Mediziner. „Die Intuition der Eltern ist meist ein guter Ratgeber.“

+ Ab zum Arzt, wenn Prellmale am Bauch, Bauchschmerzen oder Blut im Urin auftreten (Milz oder Niere könnten verletzt sein.)

+ Zahnrettungsset bereithalten, falls Zähne ausgeschlagen bzw. verletzt sind.

+ Tritt Übelkeit auf, muss eine Gehirnerschütterung ausgeschlossen werden.

2) Verbrennungen/Verbrühungen

„Hat sich ein Kind verbrannt, bitte auf keinen Fall Hausmittel wie Butter, Mehl oder ähnliches anwenden“, rät Dr. med. Alfred Längler. „Überhaupt gilt: nichts draufschmieren! Stattdessen die Verbrennung mit kaltem Leitungswasser kühlen, den jungen Patienten zur Not mitsamt der Kleidung in eine kalte Badewanne setzen.“ Eiskompressen aus dem Tiefkühler besser meiden – sie sind zu kalt und können das verletzte Gewebe durch Erfrierung zusätzlich schädigen.

+ Verbrennungen mit kaltem Leitungswasser kühlen.

+ Frühzeitig Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen geben. Dosierung: 10 mg Saft pro Kilo Körpergewicht des Kindes.

3) Schnittwunden/Tierbisse

Kleine Schnittwunden heilen meist unkompliziert von selbst ab. „Einfach desinfizieren und ein Pflaster draufkleben“, empfiehlt der Kinderarzt. „Nur wenn es anhaltend weiterblutet oder wenn eine Wunde auseinanderklafft, muss man in der Klinik klammern oder nähen.“

+ In die Klinik bei anhaltend blutenden oder klaffenden Wunden.

+ Bei Tierbissen immer sofort in die Klinik, da in der Regel ein Antibiotikum nötig ist.

4) Allergischer Schock

+ Sofort die 112 anrufen, insbesondere wenn die Lippen anschwellen oder Luftnot entsteht.

5) Zecken

„Ein normaler Zeckenbiss ist kein Grund, zum Arzt zu gehen“, rät Alfred Längler. „Das Tier einfach mit einer Pinzette oder Zeckenkarte am Kopf packen und herausziehen. Nicht drehen oder quetschen.“ Anschließend müsse die Stichstelle beobachtet werden. Nur wenn im weiteren Verlauf eine Ringröte auftrete, sei dies ein Fall, der medizinisch versorgt werden müsse. „Es ist nicht notwendig, die entsprechende Zecke einzuschicken oder eine präventive Blutuntersuchung zu erbitten“, betont der Mediziner. „Das erwähne ich deshalb so explizit, weil mir solche Wünsche im Alltag immer wieder begegnen.“

+ Nach Aufenthalt in Wald und Wiese stets gründlich den ganzen Körper absuchen, vor allem Achselhöhlen und Kniekehlen.

+ Zecke möglichst rasch selbst entfernen.

+ Stichstelle beobachten. Bei Ring- oder Wanderröte zum Arzt gehen.

Checkliste: Notfallapotheke für Kinder

  • Vom Kinderarzt verschriebene Medikamente
  • Salbe/Essenz gegen stumpfe Verletzungen wie Zerrungen, Quetschungen und Blutergüsse
  • Salbe/Gel bei Verbrennungen oder Insektenstichen
  • Mini-Tüten als Behälter für Vergleichsmuster verschluckter/eingeatmeter Gegenstände
  • Desinfektionsmittel für oberflächliche Wunden (ohne Alkohol, damit es nicht brennt)
  • Sterile Kompressen oder saubere Baumwolltücher
  • Pflaster
  • Zahnrettungsset
  • Schmerzsaft, zum Beispiel Ibuprofen
  • Zeckenkarte oder -pinzette

Prof. Dr. med. Alfred Längler

Prof. Dr. med. Alfred Längler ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin sowie Kinderonkologe. Er leitet die Abteilung Kinder- und Jugendmedizin am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke, dessen ärztlicher Direktor er gleichzeitig ist. Zudem hat er eine Professur an der Universität Witten/Herdecke. Alfred Längler ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher zur Kinderheilkunde, außerdem Vorsitzender der WHO-Unicef-Initiative „Babyfreundliches Krankenhaus“ in Deutschland und Mitglied der Nationalen Stillkommission in Deutschland.

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