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Das gewisse Etwas anders: eine anthroposophische Hebamme im Interview.

Was zeichnet eigentlich die anthroposophische Hebammenarbeit aus?

Schon vor einiger Zeit haben wir dazu Daniela Zahl interviewt. Sie ist Hebamme im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und hat uns über ihre Arbeit als anthroposophische Hebamme berichtet.

„Oft sind es die kleinen Details die den feinen Unterschied machen. Das hört und spürt man bei Frau Zahl und das habe auch ich bei meinen eigenen Geburten in der Filderklinik erfahren. Angefangen bei den besonderen Bettchen und den selbstgestrickten Mützchen bis hin zu den äußeren Anwendungen, die die Geburt und die ersten Tage danach enorm erleichtert haben.“

Interview

Lasst andere teilhaben

Daniela Zahl ist freiberufliche Beleghebamme am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe in Berlin. Sie hat die anthroposophische Geburtshilfe dort mit aufgebaut. Inzwischen kann Daniela Zahl auf gut 30 Jahre Berufserfahrung und ganz unterschiedliche Weiterbildungen zurückgreifen, zum Beispiel: rhythmische Einreibungen, Öldispersionsbäder, Geburten in Beckenendlage, klassische Homöopathie. 
 

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Frau Zahl, Sie arbeiten als Hebamme an einem anthroposophischen Krankenhaus, haben die Geburtshilfe sogar mit aufgebaut. Was zeichnet die anthroposophische Hebammenarbeit aus?

Alle Arbeitsbereiche einer Hebamme können mit einer anthroposophischen Idee gefüllt werden. So gesehen machen anthroposophisch arbeitende Hebammen den gleichen Job wie andere Hebammen auch. Aber sie machen ihn ein klein wenig anders.

Inwiefern anders? Woran merke ich, dass ich von einer anthroposophischen Hebamme betreut werde?

Das merken Sie zum Beispiel daran, dass wir immer wieder über Rhythmus sprechen werden. Über Tagesrhythmen, Schlafrhythmen, später auch über Rhythmen beim Stillen. Ich empfehle Ihnen vielleicht eine rhythmische Massage oder eine rhythmische Einreibung. Überhaupt arbeite ich als anthroposophische Hebamme gerne mit sogenannten äußeren Anwendungen, also außer mit Massagen und Einreibungen auch mit Waschungen, Bädern, Wickeln und Auflagen – sowohl bei der Schwangeren als auch beim Säugling.

Und wenn schwere Symptome auftreten? Wie zum Beispiel Übelkeit und Erbrechen in den ersten Monaten einer Schwangerschaft? Bleibt auch dann Ihr anthroposophischer Hintergrund für mich spürbar?

Dann erst recht. Bei schwangerschaftsbedingter Übelkeit mit Erbrechen, einer sogenannten Emesis, und auch bei langanhaltendem Erbrechen, der Hyperemesis, würde ich mit Ihnen zunächst über das Interessante der anderen Umstände sprechen: die Veränderungen in Ihrem Körper, diese emotionale Durchlässigkeit, die Sie jetzt wahrscheinlich wahrnehmen, die Müdigkeit. In diesem Zusammenhang wäre dann auch das Erbrechen ein Thema. Ich würde es aber nicht isoliert betrachten, sondern ganzheitlich. Dazu gehört, dass ich Ihnen zu Bitterstoffen in der Ernährung rate, also etwa zu einem Chicorée- oder Endiviensalat. Ich empfehle auch Arzneimittel, die Bitterstoffe enthalten.

Das hört sich so an, als würden Sie den Blick bewusst auf die Normalität lenken ...

Ja, das tun wir. Wir sprechen über Normalität. Ein Kind zu erwarten und zu bekommen ist ja ein ganz natürlicher Prozess, auf den sich aber jede Frau und jedes Paar einstellen muss. Das geht am besten im offenen, ehrlichen Gespräch. Ich empfehle gerne „Die Hebammen-Sprechstunde“ von Ingeborg Stadelmann. Es ist (meines Wissens) das einzige Buch zu Schwangerschaft und Stillzeit, das ganz ohne Fotos auskommt. Denn seien wir mal ehrlich: Wer sieht schon so aus wie die adretten Schwangeren und glücklichen Paare auf den Fotos, wenn er oder sie die halbe Nacht auf den Beinen war, sich gerade mit dem Partner gestritten hat oder einen Herpes entwickelt? Ich bin der festen Überzeugung: Die schwangeren Frauen sollten sich nicht vergleichen, sondern sich mit sich selber gut fühlen.

Ein guter Tipp. Haben Sie noch einen?

Mein Lieblingstipp für die Schwangerschaft lautet: Bleiben Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin zusammen. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Paare sich trennen, nachdem sie Eltern geworden sind. Ich erlebe auch regelmäßig Frauen, die bereits ohne Partner zur Geburt kommen. Dabei brauchen Frauen vor, während und nach der Geburt kaum etwas so sehr wie eine Hülle. Sie werden in der Schwangerschaft durchlässiger und genießen deshalb die Geborgenheit, die der Partner vermittelt. Um diese innerste Hülle legen sich dann Freunde und Familie mit ihrer Liebe und Fürsorge. Aber leider hapert es an dieser Umhüllung immer mehr. Das gehört auch zur Normalität, mit der eine Schwangere umgehen muss. Frauen, die ohne Partner ihr Kind zur Welt bringen, suchen sich immer öfter eine professionelle Doula.

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Sprechen wir über die Geburt hier im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Wie unterstützen Sie die Frauen, die Eltern, die Neugeborenen?

Ich muss vorwegschicken, dass die selbständigen Hebammen in Havelhöhe ganz eng und auf Augenhöhe mit den Ärztinnen und Ärzten des Gemeinschaftskrankenhauses zusammen­arbeiten. Eine Geburt begleiten wir immer im Team. Außer mit unserer spürbaren Erfahrung unterstützen wir die Frauen zunächst mit Ölen, Badezusätzen und anthroposophischen Arzneimitteln. Ergänzend können phytotherapeutische, also rein pflanzliche Präparate und auch allopathische, das heißt schulmedizinische Medikamente hinzukommen. Aber es geht um mehr als um therapeutische Angebote. Jede Geburt gleicht einer Lehrstunde in Sachen Ehrfurcht und ist deshalb für alle Beteiligten kostbar. Wenn das Kind auf der Welt ist, wird es bei uns ganz still. Das erste Wort gehört immer den Eltern, die ihr Kind begrüßen. Erst danach melden sich auch die professionellen Begleiter wieder zu Wort.

Wie erklären Sie sich, dass die Kaiserschnittrate in anthroposophischen Kliniken besonders niedrig ist?

Meiner Ansicht nach liegt das vor allem an unserem anthroposophischen Blick, mit dem wir die gesamte Familie erfassen, also auch das noch ungeborene Kind. Was ist das für ein Kind? Was möchte es uns sagen? Was können wir der Frau, dem Partner, dem Kind zumuten? Oder besser gesagt: Was trauen wir ihnen zu? Zutrauen und Vertrauen sind für uns ganz wichtige Begriffe. Die werdenden Eltern müssen spüren, dass wir für sie da sind und sie ernst nehmen – auch wenn Probleme auftauchen. Solange mir aber das Kind und auch die Frau nicht ganz deutlich zeigen: „So geht es nicht“, sehe ich keinen Grund für einen Kaiserschnitt. Zu den deutlichen Alarmzeichen gehören zum Beispiel Blutungen oder schlechte Herztöne des Kindes. Wichtig ist, dass man alles bespricht, dass Entscheidungen gemeinsam getroffen werden. Schließlich habe ich als Hebamme die kompetenteste Person für diese Schwangerschaft stets vor mir. Also kann ich die Schwangere bzw. Gebärende ja wohl mit einbeziehen.

Das Wochenbett ist die nächste entscheidende Etappe für Eltern und Kind. Sie haben nicht zufällig noch einen Tipp?

Aber sicher. Hier kommt mein Lieblingstipp fürs Wochenbett: Tun Sie das Gleiche wie Ihr Baby – essen, verdauen und schlafen. Lassen Sie sich einhüllen, wärmen, versorgen und lieben. So einfach ist das.

Das hört sich einfach an, aber wie kann ich Ihren Tipp in meinen Alltag integrieren, wenn der Besuch Schlange steht und das Bad dringend geputzt werden müsste?

Ich empfehle immer, die Erwartungen vorübergehend herunterzuschrauben und sich klarzumachen, dass sich das Leben gerade um 180 Grad dreht. Dass die Eltern dabei sind, sich in ein unglaubliches Abenteuer zu begeben. Wer wird denn da an die Haare im Bad oder die Krümel in der Küche denken? Außerdem: Wenn ich wirklich im Bett bleibe – wie es meine Hebamme nahelegt –, dann kann ich die Krümel in der Küche gar nicht mehr sehen. Ein bisschen Chaos im Wochenbett sollte kein Tabu sein.

Apropos Tabu: Über welche Themen in Schwangerschaft und Stillzeit wird Ihrer Meinung nach zu wenig gesprochen?

„In der Frühschwangerschaft über das Thema Ernährung. Ich halte eine Ernährungsberatung in den ersten Wochen für ungeheuer wichtig, weil man viele Beschwerden über die Nahrung gut in den Griff bekommen kann. Dazu gehören nicht nur Übelkeit und Verdauungsbeschwerden, sondern auch Ödeme oder sogar ein Schwangerschaftsdiabetes. Auch über Sexualität in der Schwangerschaft wird viel zu wenig gesprochen. Und fast ein Tabu sind die Themen Gewalt in der Schwangerschaft und Ängste vor der Geburt. Auch hierfür bieten wir uns als Gesprächspartnerinnen an.

Im Wochenbett hingegen sind es eher die ganz alltäglichen Themen, über die man nicht oft und vor allem offen genug sprechen kann: Wie ist denn das Leben mit einem Neugeborenen in den ersten sechs Wochen? Was macht es mit mir, wenn das Baby ständig weint? Wie verhalte ich mich, wenn ich keine kleineren Geschwister hatte? Wenn das über mich kommt, ohne dass ich mir das auch nur ansatzweise vorstellen konnte? Diese offenen Gespräche sind genauso wichtig wie eine Massage mit Kümmelöl oder ein Kirschkernkissen,

Wie war das bei Ihnen, Frau Zahl: An welchem Punkt konnten Sie sich vorstellen, nicht nur Hebamme, sondern anthroposophische Hebamme zu werden? Welche Zusatzausbildung haben Sie dafür gemacht?

Als ich mich für einen anthroposophischen Hintergrund meiner Hebammenarbeit interessiert habe, gab es noch keine Zusatzausbildungen. Das ist heute anders: Seit einigen Jahren können Sie eine dreijährige Weiterbildung zur anthroposophischen Hebamme machen. Diese Kurse sind sehr gut besucht. Das ist toll zu sehen.

Der Verein für Anthroposophische Hebammenkunde bietet nicht nur die berufsbegleitende Weiterbildung zur anthroposophischen Hebamme an, sondern hilft werdenden Eltern auch bei der Hebammensuche: www.vfah.de

Aber ich persönlich bin ehrlich gesagt über eine Schultüte zur Anthroposophie gekommen.

Das müssen Sie bitte erzählen.

Irgendwann in den 80er Jahren, als ich nach meiner Ausbildung an einem großen Berliner Krankenhaus als freie Hebamme tätig war, erwachte mein Interesse an der Anthroposophie. Aber nicht etwa über einen medizinischen Weg, sondern weil ich für das Kind einer Freundin eine Schultüte gebastelt hatte. Mit Kind und Schultüte lernte ich die Waldorfschule kennen – und war sofort fasziniert. Ich wollte mehr wissen, vor allem: Welche Haltung steckt hinter diesem Konzept? Seit diesem Tag habe ich mich gezielt nach interessanten Vorträgen umgeschaut – zum Beispiel am Rudolf Steiner Haus in Berlin – und immer mehr verstanden, was Anthroposophie ausmacht.

Als Mitte der 90er Jahre in Berlin ein anthroposophisches Krankenhaus eröffnet werden sollte, habe ich zusammen mit anderen Hebammen ein Konzept für die Abteilung Geburtshilfe geschrieben. Wir haben es einfach abgeschickt. Und heute sitze ich hier und arbeite als anthroposophische Hebamme.

Vielen Dank für das Interview!

Wissenswert

In unseren Ratgebern Schwangerschaft und Stillzeit und Säuglingszeit findet ihr viele wertvolle Tipps und Empfehlungen zur Behandlung von häufigen Beschwerden.

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