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Kunsttherapie: der eigenen Krankheit schöpferisch begegnen
Was genau Kunsttherapie ist und kann, lässt sich in wenigen Sätzen kaum fassen. Deshalb widmen wir ihr eine kleine Serie, die heute mit einem Überblick beginnt und durch zwei Interviews aus der Praxis ergänzt wird. Erfahre, bei welchen Krankheiten sich eine kunsttherapeutische Unterstützung bewährt, warum Ton geduldig ist und Farben eine Verbindung zum Seelischen haben – und was es mit dem Zusatz „anthroposophisch“ auf sich hat.
Eine ganzheitlich wirkende Therapie
Wenn ein Burnout-Patient mit Ton arbeitet und dabei ganz ruhig wird, wenn eine junge Frau mit Magersucht beim Malen ein Stück weit Kontrolle abgeben kann – dann entfaltet Kunsttherapie ihre Wirkung. Sie zählt zu den so genannten ganzheitlichen Therapien, die sich an Körper, Seele und Geist eines Menschen wenden, um ihn zurück in sein gesundes Gleichgewicht zu bringen oder dieses Gleichgewicht zu erhalten. Das ist charakteristisch für die gesamte anthroposophische Medizin. Genauso charakteristisch ist, dass sich anthroposophische Therapien nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung einer ärztlichen Behandlung verstehen. Sie erweitern die therapeutische Vielfalt zum Wohle der Patient:innen.
Dass dieser Ansatz funktioniert, erleben Laura Vogler und Melanie Fellmer Tag für Tag: Laura Vogler arbeitet als Kunsttherapeutin in einem Akut-Krankenhaus bei Stuttgart und Melanie Fellmer betreibt eine kunsttherapeutische Praxis in Berlin. Beide stellen wir euch in den nächsten Teilen dieser Serie vor.
Das alles meint Kunsttherapie
Neben den klassischen Formen der Kunsttherapie – Malen, Zeichnen, Plastizieren und Bildhauerei – zählen auch Musiktherapie und Sprachgestaltung dazu. Deshalb wird oft von künstlerischen Therapien gesprochen. Mitunter sind Bewegungstherapien (wie Tanz, Theater und Heileurythmie) mitgemeint. Was sie eint, ist ihr Ansatz.
Mit Hilfe künstlerischer Therapien lernen Patient:innen, „sich auf schöpferische Weise mit ihrer Krankheit auseinanderzusetzen und ihren individuellen Weg zur Gesundheit aktiv mitzugestalten“, wie es der Berufsverband für Anthroposophische Kunsttherapie e. V. (BVAKT) formuliert. Der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland e. V. (DAMiD) ergänzt: „Die bewusste Auseinandersetzung mit Ton, Holz oder Stein, Farbe, Form, Klang, Sprache oder Bewegung eröffnet vielen Menschen neue Wege zur Bewältigung von Krankheit und Problemen.“ Laura Vogler nennt als Beispiel, dass Brustkrebs-Patientinnen während der Kunsttherapie mitunter ihren Krebs malen.
Künstlerische Therapien können Einzelstunden oder Gruppenangebote sein. Sie können sogar systemisch arbeiten, wenn zum Beispiel Nachhilfe-Einrichtungen die Eltern zur Kunsttherapie bei Melanie Fellmer schicken, weil das vermeintliche Lernproblem der Kinder doch eher bei den Erwachsenen liegt.
„Jede kunsttherapeutische Form hat ein anderes Eingangstürchen zu den Seelenqualitäten.“ Melanie Fellmer, Kunsttherapeutin in freier Praxis
Kunsttherapie ist eine vielseitige Begleiterin
Ob für Kinder oder Erwachsene, ob ambulant oder stationär – Kunsttherapie ist vielfältig einsetzbar. Sie bewährt sich als Prozessbegleiterin in Lebenskrisen und biografischen Umbruchsituationen wie z. B. den Wechseljahren. Und sie unterstützt die Behandlung akuter und chronischer Krankheiten wie z. B. diesen: ADHS, Krebs (vor allem Brustkrebs), Neurodermitis, Angst- und Essstörungen, Depressionen, Stress, Erschöpfung, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen.
Die Anthroposophic Medicine Outcomes Study (AMOS) hat den medizinischen Nutzen und die Wirtschaftlichkeit anthroposophischer Therapien nachgewiesen: Bei über 80 % der begleiteten Patient:innen mit chronischen Krankheiten trat eine eindeutige Besserung ein.
Weil Kunsttherapie immer die Selbstheilungskräfte eines Menschen anspricht, dient sie zudem der Salutogenese. Sie hilft also, die eigene Gesundheit zu stabilisieren und Krankheiten aktiv vorzubeugen. Kunsttherapie ist deshalb auch Selbstfürsorge!
„Während der Kunsttherapie sind die Patient:innen aktiv – das ist eine unglaublich wertvolle Erfahrung.“ Laura Vogler, Kunsttherapeutin an der Filderklinik
Warum ist der Zusatz „anthroposophisch“ entscheidend?
Kunsttherapie ist keine geschützte Bezeichnung, aber wer „anthroposophische Kunsttherapie“ anbietet, hat immer eine mehrjährige Ausbildung abgeschlossen und befolgt die Leitlinien des Berufsverbandes BVAKT. Der Zusatz „anthroposophisch“ fungiert somit als Qualitätsmerkmal.
Zu Besuch bei zwei anthroposophischen Kunsttherapeutinnen
Wie sieht Kunsttherapie in der Praxis aus? Welche Materialien kommen zum Einsatz? Was erleben die Patient:innen? Wir haben zwei anthroposophische Kunsttherapeutinnen besucht und interviewt.
Lies im zweiten Teil unserer Serie, welche Patient:innen Laura Vogler in ihrem Atelier empfängt und mit welchen sie am Krankenbett arbeitet.
Im dritten und letzten Teil schauen wir Melanie Fellmer über die Schulter. Sie spricht von der unendlichen Geduld des Tons und wie sie mit der passenden Form schon einmal ein Abitur gerettet hat.
Interessierst du dich für weitere ganzheitliche Therapien?
Hier erfährst du mehr über Biografiearbeit und äußeren Anwendungen.