Magazin
Heilsame Formen: zu Besuch in einer kunsttherapeutischen Werkstatt
Ein Drache als Kraftquelle, ein Flechtband, um den eigenen Weg zu finden – an Melanie Fellmers großem Tisch entstehen ganz unterschiedliche Werke aus Ton und Stein. Jedes hat einen unschätzbaren Wert für seine Schöpferin oder seinen Schöpfer, denn es erzählt von einem persönlichen Heilungsprozess.
Frau Fellmer, wer kommt zu Ihnen? Und warum?
„Alle sind in meiner Werkstatt willkommen: Kinder und Erwachsene, ganz einfach Menschen mit einem therapeutischen Anliegen. Das kann eine akute oder eine chronische Krankheit sein, eine persönliche Krise, eine biografische Umbruchsituation oder der Wunsch, gar nicht erst krank zu werden. Gerne frage ich: Was fehlt Ihnen? So lenke ich den Blick vom Mangel auf ein Ziel. Und dann arbeiten wir genau daran mit Kreide, Ton, Bienenwachs oder Speckstein.“
„Kunsttherapie eignet sich in allen Lebensphasen: Mein jüngster Patient war vier Jahre alt, meine älteste Patientin 92.“ Melanie Fellmer
Wie gehen Sie vor und wie erleben Sie die Wirkung Ihrer Arbeit?
„Gerne beginne ich mit zehn Minuten Formenzeichnen – denn Formen zu zeichnen bringt den Menschen in Form. Wer viel Energie hat, tut das an der Tafel. Wer erschöpft ist, arbeitet im Sitzen. Und wer gar keine Kraft verspürt, zieht die Linien nach, die ich zart vorzeichne. Das Zeichnen stärkt Bewusstsein und Wahrnehmungskraft. Danach geht es ans Plastizieren bzw. Bildhauern, das wiederum den Stoffwechsel anregt.
Ich wäge ab, welcher Werkstoff und welches Thema zu dem Menschen vor mir passt: Ton ist unendlich geduldig, die Arbeit mit ihm aufbauend und nährend. Ganz anders der Stein, da nehmen wir weg, lassen wir los, kommen zur Essenz. Ob Ton oder Stein – beim Plastizieren arbeitet man immer an und mit der Grenze, nähert sich Themen wie dem, den eigenen Platz im Leben zu finden. Indem ein Mensch schöpfend tätig wird, sich Ausdruck verleiht, findet er den Weg heraus aus der Opferrolle, die ihm seine Lebensumstände oder eine Krankheit aufgedrückt haben.“
„Sobald ich eine Verbindung zu mir selbst schaffe, beginnt mein Heilungsprozess.“ Melanie Fellmer
Für welche Krankheiten eignet sich das Plastizieren besonders?
„Ich kann mit meiner Arbeit chronische Krankheitsbilder wie Neurodermitis, Essstörungen, MS oder ADHS begleiten. Mitunter kommen Patient:innen nach einer abgeschlossenen onkologischen Behandlung in der Klinik zu mir, manche haben dort schon erste Erfahrungen mit Kunsttherapie gemacht. Auch in akuten Fällen, bei Ängsten, Burnout, Schlafstörungen oder in einer Lebenskrise, ist Kunsttherapie eine gute Unterstützung. Mir fällt da ein junger Mann ein, der sein Abi schmeißen wollte und bei mir an einem Flechtband gearbeitet hat. Dabei geht es zunächst drunter und drüber – wie im wahren Leben auch. Aber dann folgst du der Spur, begegnest dir selbst und findest deinen Weg.“
Interessant. Haben Sie weitere konkrete Beispiele?
„Unzählige. Etwa die Frau in den Wechseljahren, die drei Torbögen gebaut und die Fläche dahinter vergoldet hat. Sie hat mit ihrer Arbeit verschiedene Räume durchschritten und sich das Neuland dahinter ganz kostbar gedacht.
Eine andere Frau kam mit einer Essstörung. Sie hat mit einem winzigen Häufchen Ton begonnen und daraus nach und nach einen kleinen Berg aufgebaut – immer begleitet von der Frage: Bin ich schon gesättigt?
Wieder eine andere hat einen Drachen geschaffen und sich so neue Kraft erschlossen. Und dann war da noch der blinde Mann, der aus seiner Erinnerung eine Katze geformt und damit ein Kindheitstrauma bearbeitet hat.“
„In meiner Werkstatt werden Themen über die Betrachtung, nicht übers Nachdenken deutlich. Das nennt sich phänomenologisches Arbeiten.“ Melanie Fellmer
Schöpfen Ihre Patient:innen die Formen vorwiegend aus sich selbst?
„Nicht nur. Als Therapeutin arbeite ich gerne in mehreren Stufen, beginnend mit einer diagnostischen Arbeit, die ganz frei ist. Ich beobachte, welche Form dabei entsteht und auch, wie der Mensch arbeitet. Manch einer nimmt sich nur wenig Ton aus der großen Kiste, weil er meint, ihm würde nicht mehr zustehen. Ein anderer greift beherzt zu und neigt dazu, sich zu überfordern.
Nach der diagnostischen Arbeit schlage ich ein Nahziel und ein Fernziel vor. Das Nahziel ist vielleicht eine Tonkugel, die vor dem Herzraum entsteht und die ich während der Arbeit immer gut „im Griff“ habe. Daraus kann eine Hohlkugel entstehen, indem ich die Kugel öffne, einen Innenraum schaffe, diesen mit Federn, getrockneten Blumen oder kleinen Edelsteinen fülle und wieder verschließe. Rudolf Steiner hat den Wert dieser Arbeit betont, weil sie einen Seelenraum eröffnet.“
Wie lange dauert eine Kunsttherapie in der Regel?
„Da gibt es keine Regel. Manche Symptome – etwa ein Tinnitus – können sich schon nach wenigen Stunden legen, aber es braucht Zeit, die Wirkung zu festigen. Die Dauer hängt zudem vom jeweiligen Menschen und seinem therapeutischen Ziel ab. Besagter junger Mann hat nach 14 Stunden sein fertiges Relief eingepackt und tatsächlich das Abi gemacht. Andere Menschen begleite ich über eineinhalb Jahre hinweg mit größeren Abständen zwischen den einzelnen Terminen. Das finde ich ideal, denn Pausen sind Teil der Therapie und sehr wirksam.“
„Schon während der Therapie beobachte ich, dass die Menschen anders sitzen, tiefer atmen, nicht mehr so hektisch in den Ton greifen. Unsere Gespräche drehen sich mehr und mehr um die entscheidenden Themen.“ Melanie Fellmer
Lässt sich Kunsttherapie mit anderen anthroposophischen Therapien kombinieren?
„Sehr gut sogar. Ich arbeite ganzheitlich und spreche die Selbstheilungskräfte meiner Patient:innen an – so wie es auch anthroposophische Arzneimittel, äußere Anwendungen oder die anthroposophische Biografiearbeit tun. Manchmal entsteht die Verbindung ganz unmittelbar: Mit einer 92-jährigen Frau habe ich die Jahrsiebte ihres Lebens plastiziert und so eine Wandlung für die Vergangenheit angestoßen.“
„Kunsttherapie ist Selbstfürsorge und somit wertvoll, um in Kontakt mit sich selbst und gesund zu bleiben.“ Melanie Fellmer
Melanie Fellmer
Anthroposophische Kunsttherapeutin (BVAKT), Mentorin, Lehrtherapeutin und Heilpraktikerin für Psychotherapie
Clayallee 331, 14169 Berlin
melaniefellmer@gmail.com