WALA Arzneimittel
Raum mit verschiedenen Arbeitsplätzen und Kunstwerken
Raum für Kunst im Krankenhaus: Kunsttherapie gehört zu den Angeboten der Filderklinik. In diesem Raum arbeitet Laura Vogler mit Patient:innen des Hauses.

Der Seele Ausdruck verleihen: kunsttherapeutische Angebote in der Filderklinik

Laura Vogler arbeitet als Kunsttherapeutin in einem Krankenhaus. In ihrem hellen Atelier im Erdgeschoss empfängt sie Patient:innen von verschiedenen Stationen. Oder sie macht sich mit ihrem Materialwagen auf den Weg und besucht frisch operierte oder immobile Menschen direkt am Bett. Luxus? Nein, Alltag in der Filderklinik, einem anthroposophisch ausgerichteten Krankenhaus südlich von Stuttgart.

Frau Vogler, in der Filderklinik gehört Kunsttherapie zum Behandlungsspektrum. Bei welchen Krankheiten bewährt sie sich?

„Bei sehr vielen, ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern. Hier in der Klinik arbeiten wir Kunsttherapeutinnen z. B. mit Menschen, die Krebserkrankungen haben – zum Teil gleich nach ihrer Operation oder während einer Chemotherapie. Andere sind wegen einer Darmerkrankung bei uns. Alte Menschen werden vielleicht wegen einer akuten Lungenentzündung aufgenommen, haben aber noch eine Demenz als Begleitdiagnose. Wieder andere kommen mit einer Angst- oder Essstörung zu uns. Bei Kindern ist es oft Epilepsie oder ADHS. Sie alle können von Kunsttherapie profitieren.“

„In der Kunst ist alles möglich. Sie dürfen entscheiden, wie es weitergeht. Ich bin überzeugt, dass dies zurückwirkt.“ Laura Vogler

Und die gibt es hier so selbstverständlich wie eine Infusion?

„Ja – sofern unsere Ärztinnen und Ärzte sie verordnen. Kunsttherapie kann eine sinnvolle Ergänzung zur medikamentösen oder psychotherapeutischen Behandlung sein. Sie kann begleiten, verarbeiten, neue Impulse geben.

Auf unserer Station für Psychosomatik und auf der Jugendstation erhalten alle ein kunsttherapeutisches Angebot, auf der Inneren, der Onkologie, der Gynäkologie und der Intensivstation im individuellen Fall. Wir sprechen hier übrigens gerne von künstlerischen Therapien, weil wir außer der klassischen Kunsttherapie – bei der wir malen, zeichnen oder plastizieren – auch Musiktherapie, Theatertherapie sowie Heileurythmie anbieten. Wir überlegen ganz genau: Braucht jemand eher einen Farbraum oder einen Klangraum? Oder beides?“

Materialwagen mit Buntstiften, Pinseln, Farben und Blättern
Unterwegs mit dem Materialwagen: Wenn Patient:innen z.B. nach einer Operation nicht mobil sind, kommt die Kunsttherapie bis ans Bett.

Was genau bieten Sie den Patient:innen an, um ihren Heilungsprozess zu unterstützen?

„Mein Schwerpunkt ist die Malerei, also das Arbeiten mit Farben. Da öffnet sich ein riesiges Spektrum: von Buntstiften über Öl- und Aquarellkreiden bis hin zu Tusche und Gouache-Farben. Wobei sich die verschiedenen Maltechniken für unterschiedliche Krankheitsbilder eignen.

Aquarellfarbe etwa hat einen lösenden Charakter, vertieft die Atmung und bietet sich an, um Flächengestaltung, sprich Verbindung, zu üben. Bei der Pastellkreide arbeite ich mit den Händen und habe eine direkte Verbindung zum Tastsinn, der mich meine eigenen Grenzen spüren lässt. Und Zeichnen mit Buntstiften kann die Konzentrationsfähigkeit fördern. Wenn sich aber Patient:innen zu sehr in der Linie, also im Zeichnen, aufhalten, eher perfektionistisch sind und einen hohen Anspruch an sich selbst haben, dann biete ich Aquarellfarbe an. Aquarellfarbe erlaubt, ins Experimentieren und „nicht Perfekte“ zu gehen.

Manchmal ist Farbe bzw. der Umgang mit Material anfangs noch zu viel, wenn sich zum Beispiel ein Mensch mit einer starken Angststörung nicht zu zeigen wagt. Dann gebe ich ihm nur einen Hauch Gold oder lasse ihn ganz ohne Farbe mit dem nassen Pinsel malen.

Sie merken schon: Farben und Maltechniken haben eine starke Verbindung zum Seelischen. Das Malen hilft, unbewusste Prozesse sichtbar zu machen – und dann daran weiterzuarbeiten.“

„Ich gebe die Möglichkeit, in einen Prozess einzusteigen. Ich bin eine Wegbegleiterin.“ Laura Vogler

Gefäße mit verschiedenen Pinseln
Große Auswahl: Verschiedene Pinsel eignen sich für verschiedene Maltechniken.

Wie lange kann dieses Weiterarbeiten dauern?

„Das kunsttherapeutische Arbeiten unterstützt einen Heilungsprozess umso besser, je länger die Patient:innen bei uns sind. Manche Menschen mit einer Anorexie, d. h. Magersucht, liegen vielleicht erst auf der Intensivstation, wechseln dann auf die Innere, kommen schließlich auf die Erwachsenenpsychosomatik. Sie sind mitunter Monate in der Klinik. Andere kehren regelmäßig wieder – wie es zum Beispiel bei Menschen mit einer Krebserkrankung der Fall ist, die hier ihre Chemo erhalten. In beiden Beispielen funktioniert Kunsttherapie sehr gut, weil sie immer Arbeit im Prozess ist.“

Was sagen Ihnen die Bilder über den momentanen Zustand eines Menschen?

„Alle starten zunächst mit einem weißen Blatt Papier. Die Patient:innen können darauf malen, was sie möchten, ohne Vorgabe. Davon lässt sich – gemeinsam – schon einiges ablesen. Etwa, wenn Traumapatient:innen gar nicht die gesamte Blattgröße nutzen oder wenn das Bild sehr dicht oder chaotisch ist. Ich schaue mir das an, interpretiere aber nicht, sondern versuche die Bildsprache zu lesen. Immer mit der Frage: Welche Phänomene zeigen sich? Vor allem: Welche Phänomene zeigen sich immer wieder? Und: Wollen wir sie unterstützen oder verwandeln?
Es geht zunächst nur um den Ausdruck, später darum, am Eindruck zu arbeiten.

„Was ich nicht in Worte fassen kann, das male ich.“ Laura Vogler

Tauschen Sie sich mit den Ärzt:innen sowie den Pflegenden aus?

„Selbstverständlich. Wir sehen uns alle als großes Team, in dem jede Profession den gleichen Stellenwert hat. Neue Patient:innen von der Psychosomatik werden mir mit Diagnose und Lebensgeschichte vorgestellt, auf den Akutstationen bin ich oft bei den täglichen Besprechungen dabei. Immer kann ich die digitalen Akten einsehen, in denen auch ich meine Wahrnehmungen festhalte. Manchmal ist es für meine Arbeit jedoch interessant, nicht so viel zu wissen. Auf der künstlerischen Ebene kommt es auch ohne Zahlen, Daten und Fakten zu einer Begegnung. Ich kann mit einem Bild einen Türspalt öffnen und dahinter etwas Lebendiges finden. Daran versuche ich dann anzuknüpfen.“

Gläser mit Farben und ein Blick in den Garten
Ich und malen? Laura Vogler schlägt vor, es einfach auszuprobieren.

Wie reagieren kranke Menschen auf Ihr Angebot?

„Ich höre sicherlich einmal pro Tag: „Ich kann nicht malen.“ Oder: „Was hat sich der Arzt denn dabei gedacht?“ Dann schlage ich vor, das Malen einfach einmal auszuprobieren. Die meisten lassen sich gerne ein. Die Menschen merken, dass es etwas mit ihnen macht. Manche fangen schon nach drei Strichen an zu weinen. Kunsttherapie kann uns sehr berühren.
Viele sind sehr dankbar für dieses Angebot und wollen nach ihrer Entlassung weiter malen.

„Sie müssen es nicht gleich können. Ich habe genug Papier.“ Laura Vogler

Laura Vogler
ist studierte Kunsttherapeutin im Team der Filderklinik, eines anthroposophisch ausgerichteten Krankenhauses im Raum Stuttgart.

Die Filderklinik
Im Haberschlai 7
70794 Filderstadt-Bonlanden
www.filderklinik.de

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