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Sichere Geburten für alle

Wer ein Kind erwartet, wünscht sich einfühlsame Unterstützung und professionelle Betreuung. Doch die Geburtshilfe in Deutschland schwächelt. Mit Lydia Abdallah vom Elternverein Mother Hood e. V. sprachen wir über Hintergründe und Lösungsansätze und darüber, warum es trotz allem Grund zur Hoffnung gibt und weshalb Eltern für ihre Interessen und die ihrer Kinder einstehen müssen. Außerdem haben wir gemeinsam eine Checkliste für die Geburtsvorbereitung erarbeitet.

„Menschenrechte gelten auch im Kreißsaal!“ Der Verein Mother Hood e. V. nimmt auf seiner Website kein Blatt vor den Mund. Dass ein Kind unterwegs ist, sollte für Eltern eigentlich ein Anlass zur Freude und zu froher Erwartung sein. Doch das Vertrauen in Deutschlands Geburtshilfe sinkt kontinuierlich. Werdende Eltern lesen Horrorgeschichten in Internetforen oder hören sie von Bekannten. Ist Gebären zur Glückssache geworden? In ländlichen Regionen suchen Schwangere oft vergeblich nach einer Hebamme oder einem Gynäkologen. Auch in Großstädten wie Köln oder München herrscht Unterversorgung. Kliniken leiden unter Personalmangel. Mehr als die Hälfte der im Kreißsaal tätigen Hebammen betreut häufig drei oder mehr Frauen parallel.[1]

Deutschlands Geburtshilfe steckt in der Krise

Die Gründe für die Missstände sind vielfältig: das Versicherungsdrama rund um die Geburtshilfe[2], gestiegener bürokratischer Aufwand in Kliniken und allgemein der Umstand, dass die Bezahlung geburtshilflicher Leistungen in keinem Verhältnis zu Aufwand und Verantwortung steht – um nur drei von ihnen zu nennen.[3]

Doch es gibt Hoffnung. Weil immer mehr Eltern aufwachen. Weil sie erkennen, dass sie gemeinsam für ihre Rechte kämpfen müssen. Und weil sie sich in Vereinen wie Mother Hood e. V. zusammenschließen. „Das Hauptproblem aus Elternsicht ist im Moment der Blick auf das Thema Schwangerschaft durch eine ‚Risiko-Brille‘. Schwangerschaft und Geburt sind in erster Linie natürliche Vorgänge, keine gefährlichen Krankheiten“, sagt Lydia Abdallah, Elternvertreterin von Mother Hood und verantwortlich für die Landeskoordination Baden-Württemberg. Im Rahmen der bundesweiten Vereinsarbeit engagieren sich Eltern dafür, „dass Frauen und Kinder auch in Zukunft eine unbeschwerte und sichere Schwangerschaft, eine optimal begleitete Geburt und eine gute Betreuung danach erleben können“.[4] Lydia Abdallah, Mutter von vier Kindern zwischen zwei und zehn Jahren, begründet die Motivation für ihr Engagement: „Die Geburt meiner ersten Tochter hat mich in meinem Frausein unglaublich gestärkt. Danach fühlte ich mich wie Superwoman – obwohl oder vielleicht gerade weil die Geburt nicht einfach war. Ich möchte, dass alle Frauen sich so fühlen können.“ Im Rahmen ihrer ärztlichen Ausbildung absolvierte Abdallah (Jahrgang 1984) mehrere Praktika in den Bereichen Gynäkologie und Geburtshilfe. Dabei musste sie feststellen, dass die Betreuung während der Geburt stark davon abhängt, wie viele Frauen am jeweiligen Ort gerade gleichzeitig gebären.

Dialog ist nötig: erste Begegnungen auf Augenhöhe

Ein Meilenstein im Kampf um bessere Bedingungen war der interdisziplinäre Kongress „Wir von Anfang an“, der im Herbst 2019 in Stuttgart stattfand – bundesweit als erster seiner Art. Mother Hood e. V. trat als Mitveranstalter auf. Lydia Abdallah resümiert: „Ich bin sehr zufrieden mit dem Austausch und fand die Veranstaltung als Signal rundum positiv. Es waren viele Interessierte da, Eltern, Hebammen, Gynäkologen und Kinderärzte, aber auch Menschen aus der Pflege oder Beratungsstellen. Alle zeigten sich gesprächsbereit, deshalb gelang ein vertrauensvoller Austausch.“ Ein Dialog auf Augenhöhe, das Anerkennen des jeweils anderen samt seiner Wahrheit und seinen Bedürfnissen – das sei gelungen.

„Um effektiv Druck auf die Politik ausüben zu können, ist ein Schulterschluss der Akteure in der Geburtshilfe unverzichtbar“, unterstreicht Lydia Abdallah. Die wichtigsten Forderungen lassen sich stichwortartig wie folgt zusammenfassen – sie sind Bestandteil eines Positionspapiers, das auf Basis der Kongress-Erkenntnisse und -Übereinkünfte entstanden ist:

  • Salutogenese als Grundhaltung
  • Eltern im Mittelpunkt aller Handlungen
  • Geburtshilfe muss bedarfsgerecht finanziert werden
  • interdisziplinäre Aus- und Weiterbildung und interdisziplinäres Arbeiten
  • Maßnahmen gegen demotivierende Berufsbedingungen
  • Organisation eines nationalen Geburtshilfegipfels[5]
Lydia Abdallah
Lydia Abdallah

Eltern müssen für ihre Rechte kämpfen

Dass Eltern mit ihren Kindern die Leidtragenden der Umstände sind, müssen viele Betroffene erst mal erkennen und verinnerlichen. „Wir sehen es als unsere Aufgabe an, auf die Missstände hinzuweisen, Lösungsansätze zu formulieren und uns für bessere Bedingungen zugunsten von Frauen und ihren Familien einzusetzen“, betont Lydia Abdallah und fügt hinzu: „Indem wir für unsere Ziele einstehen, fordern wir gleichzeitig umfassende Verbesserungen für alle Geburtshelferinnen und Geburtshelfer. Das Eine ergibt sich logisch aus dem Anderen.“ Dass sich endlich etwas ändert, ist längst überfällig. „Engagieren Sie sich!“, möchte Abdallah allen Eltern zurufen. „Im Moment stellen sich Weichen. Bringen Sie Ihre Stimme ein – je mehr Menschen sich beteiligen, desto lauter wird der Ruf. Damit es für uns Eltern und für unsere Kinder eine gesunde Zukunft gibt.“

Checkliste: elementare Fragen und To-dos für die Geburtsvorbereitung

  • Frühzeitig eine Hebamme für die Schwangerschaftsbetreuung suchen, die im Idealfall auch die Wochenbettbetreuung nach der Geburt übernimmt.
  • Den Ort für die Geburt sorgfältig wählen: mit Kliniken und Geburtshäusern ins Gespräch kommen, Vorträge und Tage der offenen Tür besuchen; wenn möglich, das Entbindungsteam bereits im Vorfeld kennenlernen.
  • Welche Klinik-Variante ist wirklich notwendig? Viele schwangere Frauen haben ein großes Sicherheitsbedürfnis, dem eine Uniklinik mit „Maximalversorgung“ möglicherweise entgegenkommt. Doch große Häuser haben erwiesenermaßen auch eine höhere Eingriffsrate. Vielleicht hat die örtliche Klinik ja ein besseres Profil für die persönlichen Bedürfnisse?
  • An welchem Punkt bzw. bei welchen Anzeichen sollte man sich sofort auf den Weg zum Geburtsort machen? Gerade beim ersten Kind brauchen Eltern diesbezüglich Beratung.
  • Welche Möglichkeiten der Schmerzlinderung stehen zur Verfügung?
  • Wen möchte die Schwangere bei der Geburt dabeihaben? Wenn der Vater des Kindes nicht in Frage kommt, sollte rechtzeitig eine begleitende Vertrauensperson bestimmt werden. Geburten sind nicht planbar – es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Liebevolle Unterstützung ist dann unentbehrlich.
  • Bereits im Vorfeld informieren, welche Hilfsangebote es in der eigenen Region gibt: „Frühe Hilfen“, Familienbildungsstätten, Stillberatung, Austausch mit anderen Eltern in Vereinen wie Mother Hood e. V.

Nützliche Webadressen

Wertvolle Tipps zur Schwangerschaft und Stillzeit finden Sie in unserem Online Ratgeber.


[1]Die Arbeitssituation von Hebammen in Kliniken in Deutschland. Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 1.692 Hebammen im November 2015, DHV (Hrsg.).

[2]https://www.hebammenverband.de/aktuell/presse/pressematerialien/index.php?eID=tx_nawsecuredl&u=0&g=0&t=1584545193&hash=76bf9a4311ff9d63d4a588516bea7ebe4d81e254&file=/fileadmin/user_upload/pdf/Presse/Pressematerialien/20190417_Sicherstellungszuschlag.pdf

[3]Mother Hood e. V. informiert im Detail über die aktuelle Situation der Geburtshilfe: https://www.mother-hood.de/sichere-geburt/aktuelle-situation-der-geburtshilfe.html

[4]https://www.mother-hood.de/ueber-uns/der-verein.html

[5]Allen Lesern, die tiefer ins Thema einsteigen möchten, seien der „10-Punkte-Plan“ mit Lösungsansätzen für eine sichere Geburtshilfe von Mother Hood e. V. und das „Wir von Anfang an“-Positionspapier ans Herz gelegt: https://www.mother-hood.de/sichere-geburt/unsere-forderungen-und-loesungsansaetze/was-die-politik-tun-muss.html

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