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Anthroprosophische Medizin, Kindergesundheit
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Mit 9 in der Pubertät?

Um das neunte Lebensjahr beginnen Kinder, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sie hinterfragen, sie zweifeln, sie sind auf der Suche. WALA sprach mit einem Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin über eine wenig beachtete, aber sehr wichtige Lebensphase.

Das Wichtigste zusammengefasst:

  • Kinder durchlaufen den Rubikon laut Rudolf Steiner zwischen dem neunten und zehnten Lebensjahr, manche auch früher. Nicht jedes Kind durchlebt dabei eine Krise.
  • Kinder im Rubikon wenden sich tagsüber vermehrt der Außenwelt zu. Abends kehren sie emotional zu den Eltern zurück.
  • Am Abend ist die beste Gelegenheit für die Eltern, die Beziehung zum Kind zu stärken. Am besten eignen sich dafür warme verbale und nonverbale Kommunikation und Rituale.
  • Rituale, die im Rubikon begonnen werden, können vom Kind bis in die Pubertät hinein angenommen werden. Zwei Jahre später funktioniert das schon nicht mehr.
  • Kleine Begegnungen im Rubikon prägen das Kind und dessen Idee von seiner Zukunft. Menschen und ihre Biografien dienen als Vorbild, Kleinigkeiten können das Kind nachhaltig stärken oder enttäuschen.
  • Neuere Untersuchungen zeigen, dass es nichts Wichtigeres für die langfristige Gesundheit des Kindes gibt als eine gute Bindung zu Menschen, die ihm wichtig sind.

Wenn Sie in einer lockeren Runde einmal nach einem interessanten Gesprächsstoff suchen, fragen Sie Ihre Mitmenschen doch mal, was sie erlebt haben, als sie neun oder zehn Jahre alt waren. Sie werden feststellen: Daraus kann ein sehr spannender Austausch entstehen. Denn viele haben in dieser Phase ihres Lebens wichtige Begegnungen oder Schlüsselerlebnisse gehabt, die sie bis ins Erwachsenenalter prägten. Sei es ein Umzug, die Trennung der Eltern, ein Todesfall oder die bewusste Entscheidung für oder gegen den Glauben an Gott, das erste Tagebuch …

In dieser Phase des Lebens treten Kinder in das von Rudolf Steiner beschriebene Rubikon ein. Sie empfinden zum ersten Mal ein Ich: ein Ich und die Außenwelt, ein Ich und die Zukunft. Sie beginnen in Frage zu stellen, was sie vorher für selbstverständlich gehalten haben. Zweifel an der eigenen Herkunft erwachen, Vorbilder werden kritischer beäugt und können das Kind in seinem Tun enttäuschen. Für die Eltern ist das keine leichte Zeit. Denn das Kind lässt sich nicht mehr mit denselben Mitteln trösten wie zuvor, lässt sich Ängste nicht so einfach ausreden. Es betrachtet seinen Körper differenzierter und entwickelt ein Schamgefühl. Ist das schon die Pubertät?

Nein, sagt Prof. Dr. med. David Martin, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in der Filderklinik. „Im Rubikon verschließt sich eine emotionale Nabelschnur, die das Kind bisher mit den Eltern verbunden hat. Plötzlich kommt es aus der Schule und rennt den Eltern nicht mehr geradewegs in die Arme. Es wird selbstständiger, ist viel mit Freunden unterwegs und hat Geheimnisse.“ Prof. Martin arbeitet aktuell an einer Studie über den Rubikon, gemeinsam mit Dr. Bettina Berger vom Lehrstuhl für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin der Universität Witten/Herdecke und seinem Doktoranden Till Flury. Eine spannende Erkenntnis aus der Studientätigkeit: „Während sich das Kind tagsüber von den Eltern entfernt, ist es am Abend emotional aufgeschlossener“, fasst Prof. Martin zusammen. „Außerdem ist auffallend, dass die Kinder in diesem Alter häufig Bedürfnisse nach Nähe und Kontakt haben wie ein vier-, fünfjähriges Kind. Das Kind braucht dann sehr viel nonverbalen Kontakt, da es seine Gedanken und Erlebnisse oft nicht in Worte fassen kann.“

Heißt: kuscheln, Gemeinsames tun (Gartenarbeit, Malen, Kochen, Zähneputzen, Abendgeschichten). Denn: „In dieser Phase können Eltern ihrem Kind noch emotional beistehen. In ein paar Jahren ist das nicht mehr der Fall. Sie sollten diese Phase deshalb als Chance begreifen, die Beziehung zu ihrem Kind zu stärken und an der Qualität der Bindung zu arbeiten.“ Rituale wie Singen, Beten oder einen Spruch aufsagen seien jetzt noch sehr gut einführbar. In zwei bis drei Jahren hält das Kind nicht mehr viel von solcherlei Dingen. Dabei reicht übrigens schon ein „Gute Nacht, schlaf gut, hab dich lieb“, das jeden Abend wiederholt wird. „Das Schöne daran ist“, erklärt Prof. Martin, „dass Kinder diese Rituale bis in die Pubertät hinein mitnehmen. Sie vermitteln ein Gefühl der Geborgenheit und Nähe. Ein Gefühl, das das Kind in der Pubertät immer noch braucht.“

Die Phase des Rubikon beinhaltet außerdem ein extremes Bedürfnis nach Vorbildern. Kinder in dieser Lebensphase hinterfragen auch ihre Zukunft als Erwachsene. Wer bin ich und wer werde ich sein? Schon kleine Begebenheiten mit anderen Menschen können diese Idee des eigenen zukünftigen Ichs prägen: ein engagierter Lehrer, ein Schreiner mit großen, starken Händen, flink tippende Finger auf einer Tastatur. Dabei reichen Geschichten oder kurze Begegnungen und das Kind ist inspiriert. Aber Achtung: Ein Kind im Rubikon ist auch sehr schnell von Menschen enttäuscht. Der Lehrer lächelt nicht, wenn er das Kind auf dem Flur trifft. Der Vater schenkt einem Malprojekt des Kindes nicht die gewünschte Qualität der Aufmerksamkeit. Es reichen Kleinigkeiten, um das Kind ins Wanken zu bringen und seine Sicht auf seine eigene Persönlichkeit positiv oder negativ zu beeinflussen. Rudolf Steiner spricht hier von einer Lebensfreude oder Lebensverdrossenheit, die im Rubikon für das gesamte Leben geprägt wird.

Das klingt nach einem hoffnungslosen Unterfangen. Doch Prof. Martin beruhigt: „Das Wichtigste ist, dass das Kind weiß, dass es am Abend Gelegenheit gibt, sich sicher und behütet zu fühlen. Eine solche Gelegenheit kann Ängste nehmen.“ Er rät zu einer Einreibung mit Körperöl und den Geschichten von Astrid Lindgren und Michael Ende. „Die lassen die Kindheit noch einmal so richtig aufleben und erzählen andererseits von selbstständigen Kindern.“ – Und sind vielleicht auch für die Eltern ein Trost in einer Zeit, in der sich eine subtile emotionale Distanz zwischen sie und ihr Kind einschieben kann.