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Anthroprosophische Medizin, Kindergesundheit
Gesundheit lernen

Gesundheit lernen

Ein Gespräch mit Dr. med. Jan Vagedes, Oberarzt in der Abteilung Pädiatrie der Filderklinik bei Stuttgart, über Lernprozesse bei Säuglingen, Krankheit als Chance sowie Vor- und Nachteile des Impfens

Interview: Silke Röttgers, Celia Schönstedt

Im „Kinder-Gesundheitsbuch“, das Sie gemeinsam mit dem Kinderarzt Georg Soldner geschrieben haben, heißt es: „Kein Kind wird ‚gesund’ geboren – Gesundheit ist etwas, das nur durch Lernen erreicht und stabilisiert werden kann.“ Könnten Sie das bitte näher erläutern?

Das ist in dieser Form natürlich eine etwas provokante Formulierung, denn glücklicherweise kommen die meisten Säuglinge gesund zur Welt. Und doch steht jedes Neugeborene am Anfang eines lebenslangen Lernprozesses. Der Mensch ist nicht einfach nur ein komplexes Konstrukt aus Zellen, das ausschließlich nach chemischen und physikalischen Gesetzen funktioniert, sondern eine lebendige Einheit aus Körper, Seele und Geist. Wichtig ist das gesunde Zusammenwirken dieser drei Bereiche – und genau das ist gemeint, wenn es um lebenslanges Lernen geht. Das Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist ist in den einzelnen Lebensabschnitten durchaus sehr unterschiedlich. Beim Säugling und Kleinkind ist das Seelisch- Geistige sehr intensiv und eng mit den körperlichen Prozessen verbunden und innerhalb derselben aktiv, was jeder von uns beobachten kann. Freude, Ärger, aber auch Angst zeigen sich beim Säugling und Kleinkind unmittelbar in der Mimik und Gestik, aber auch in organischen Prozessen wie der Verdauung oder der Durchblutung. Auch umgekehrt wird jede Störung auf körperlicher Ebene unmittelbar, ungefiltert und ungeniert seelisch zum Ausdruck gebracht: So weint und schreit der Säugling bei Verdauungsstörungen ganz ungehemmt. Das Zusammenleben von uns Erwachsenen wäre durchaus erschwert, wenn die Verbindung von Seelischem und Körperlichem noch genau so wäre wie bei den Säuglingen ...

Das wäre allerdings chaotisch. Welche Veränderungen macht denn der Mensch beim Älterwerden durch?

Mit zunehmendem Alter löst sich diese unmittelbare Verbindung zwischen Seelisch- Geistigem und Körperlichem mehr und mehr: Beim Jugendlichen zeigen sich die veränderten Bedingungen besonders während der Pubertät, in der vor allem das Seelische eine neue Beziehung zum Körperlichen herstellt. Beim Erwachsenen und vor allem beim älteren Menschen emanzipiert sich immer mehr das Geistige. Es geht also um den Prozess, selbständig zu werden, zunächst auf leiblicher, dann auf seelischer und schließlich auf geistiger Ebene.

„Jede Krise, die ein Kind überwindet, gibt ihm neue Stärke. Daher könnte man Gesundheit als die Fähigkeit bezeichnen, Krisen zu überwinden.“
Mit der Geburt beginnt also ein lebenslanger Lernprozess?

Richtig. Zunächst lernt das Neugeborene, nach und nach auf leiblicher Ebene selbständig zu werden. Das ist ein durchaus vielschichtiger und anspruchsvoller Vorgang: Das Kind lernt, ab der Geburt selbständig zu atmen und seine Körperwärme zu regulieren. Es lernt, fremde Nahrung in eigene Substanz zu verwandeln und sich allmählich von der Schwerkraft zu emanzipieren, um schließlich frei stehen und gehen zu können. Auch und vor allem findet das Lernen im Bereich des Immunsystems statt. Der Säugling und das Kind müssen lernen, sich in der richtigen Weise von der Außenwelt abzugrenzen beziehungsweise sich der Außenwelt so zu öffnen, dass das Innenmilieu gesund erhalten bleibt. Schließlich ist auch das Einschlafen können ein Lernvorgang, der zur zunehmenden Selbständigkeit dazugehört.

Eine der Überschriften in Ihrem Buch lautet „Krankheit als Krise und mögliche Chance“: eine Aussage, die den Leser erst einmal stutzen lässt …

Der Prozess hin zur Selbständigkeit ist immer mit Krisen verbunden: Macht ein Kind eine Krise durch – zum Beispiel eine Erkältung –, wird sein Immunsystem aktiv und wehrt sich. Hat das Kind die Krankheit aus eigener Kraft überstanden, hat es einen weiteren Schritt in Richtung Selbständigkeit unternommen: Es hat gelernt, sich noch besser gegen seine Umwelt abzugrenzen, sein Immunsystem hat sich weiter ausgebildet. Jede Krise, die ein Kind überwindet, gibt ihm neue Stärke. Daher könnte man Gesundheit als die Fähigkeit bezeichnen, Krisen zu überwinden. Medizin und Pädagogik müssen zusammenarbeiten und unsere Kinder so stärken, dass sie zunehmend aus eigener Kraft heraus Krisen meistern können. Dabei dürfen sie natürlich keinem unüberschaubaren Risiko ausgesetzt werden. Das ist die wahre Kunst: das Kind Erfahrungen sammeln zu lassen und ihm doch zugleich Schutz und Sicherheit zu geben. Nicht zuletzt spricht man daher von Erziehungskunst ebenso wie von Heilkunst. Gerade durch eigene Erfahrungen – und dazu können in bestimmtem Umfang auch Krankheiten unterschiedlicher Ausprägung zählen – gelangt das Kind zu einer Reifung und erhält die Möglichkeit, auf körperlicher Ebene seine Individualität auszubauen. Mit Absicht spreche ich jedoch von Krankheiten „in bestimmtem Umfang“ und „in unterschiedlicher Ausprägung“: Denn natürlich benötigt ein Kind mit einer schweren Epilepsie Medikamente gegen Krampfanfälle, eines mit einem Diabetes mellitus Typ 1 braucht Insulin und eines mit einer Gehirnhautentzündung das richtige Antibiotikum.

Sie sprechen davon, dass ein Kind seinen Körper zunehmend individualisiert. Wie müssen wir uns das vorstellen?

Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Bild, um diese Zusammenhänge etwas deutlicher zu machen: Kommt ein Kind auf die Welt, richten die Eltern ihm ein Zimmer ein, das sie zunächst nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten – ganz in dem Wunsch, dass sich das Kind darin wohl fühlen möge. Nun wird aber das Kind größer und größer und irgendwann möchte es gerne das eigene Zimmer etwas anders gestaltet haben. So kommt es, dass bereits Dreijährige das Kinderzimmer kreativ umräumen – zumindest in Teilbereichen. Es wäre ja schlimm, wenn wir eine ganze Kindheit lang genau in der Zimmereinrichtung leben würden, die wir unseren Eltern zu verdanken haben! In bestimmten Phasen werden diese Umbaumaßnahmen besonders intensiv: Manche Jugendliche räumen ihr Zimmer während der Pubertät alle 14 Tage um.

Was wir uns hier auf äußerlich-räumlicher beziehungsweise pädagogischer Ebene angeschaut haben, findet auch auf leiblicher Ebene statt: Im übertragenen Sinne bekommt jedes Kind einen Körper, der sich nach den genetischen Voraussetzungen gestaltet, die von Vater und Mutter mitgegeben werden. Im Laufe der Zeit kommt es aber immer intensiver zu Prozessen, in denen das Individuelle des Kindes den eigenen Körper zunehmend mitgestaltet und so auch leiblich mehr und mehr zum Vorschein kommt, was sich in der Mimik und Gestik sowie der Gesichtsphysiognomie zeigen kann. Die Umbauvorgänge können dabei in größeren Zyklen verlaufen und ganz schön heftig sein, etwa beim Zahnwechsel oder in der Pubertät. Sie können aber auch unscheinbarer verlaufen, zum Beispiel im Rahmen von fieberhaften Infektionskrankheiten.

Was empfehlen Sie, wenn das Kind schwer erkrankt?

Kinderkrankheiten können natürlich auch gefährliche Krisen bedeuten. Sie müssen daher sehr ernst genommen werden. Nehmen wir zum Beispiel eine infektiöse Erkrankung mit hohem Fieber. Dann kann es sein, dass diese Infektionserkrankung das Kind so schwächt, dass man wahrnimmt: Ihm wird die Überwindung der Krankheit aus eigener Kraft nicht gelingen. In diesem Fall – handelt es sich zum Beispiel um eine schwere bakterielle Infektion – ist es ein Segen, dass wir neben den naturheilkundlichen Medikamenten über gute Antibiotika verfügen. Und es wäre absolut verwerflich, diese dem Kind vorzuenthalten. Der ganzheitliche Ansatz der Anthroposophischen Medizin ergänzt die Schulmedizin, er ersetzt sie nicht. Antibiotika sind somit auch ein Bestandteil der anthroposophischen Therapie.

„Erfreulicherweise wächst in der Öffentlichkeit auch das Bewusstsein dafür, dass es wichtig für den Aufbau des Immunsystems sein kann, gerade fieberhafte Erkrankungen durchzumachen und sie selbst oder mit Unterstützung naturheilkundlicher Medikamente zu überwinden.“

Im Umkehrschluss wäre es jedoch falsch, jedem Kind bei jedem Infekt gleich ein Antibiotikum oder Fieberzäpfchen zu geben. Erfreulicherweise wächst in der Öffentlichkeit auch das Bewusstsein dafür, dass es wichtig für den Aufbau des Immunsystems sein kann, gerade fieberhafte Erkrankungen durchzumachen und sie selbst oder mit Unterstützung naturheilkundlicher Medikamente zu überwinden. Zudem wurden in den letzten Jahren einige Studien publiziert, die belegen, dass häufiger Gebrauch beispielsweise von Paracetamol während der Kindheit¹ oder in der Schwangerschaft² die Entwicklung von kindlichem Asthma oder Neurodermitis begünstigen kann.

Wie ist unter diesen Gesichtspunkten das Verhältnis der anthroposophischen Ärzte zu Impfungen?

Als anthroposophische Kinderärzte sind wir keineswegs Gegner des Impfens! Wir sehen aber eine Erziehung kritisch, die vermeidet, dass es zu einer Auseinandersetzung mit fieberhaften Erkrankungen kommen kann. Letztendlich geht es uns darum, eine gute Mitte zu finden. Keineswegs sollte man Kinder leichtsinnig einem Risiko aussetzen und sie in und mit einer fieberhaften Erkrankung alleine lassen, sondern sie umso behutsamer begleiten. Wir dürfen weder die Bedeutung dieser leiblichen Veränderungsvorgänge noch die Gefahr bestimmter Kinderkrankheiten unterschätzen. Entscheidet man sich für eine Impfung gegen die klassischen Kinderkrankheiten, ist eine Pädagogik umso wichtiger, die es den Kindern in anderen Bereichen ermöglicht, ihren Leib zu individualisieren. Letztlich ist diese Verzahnung von Pädagogik und Medizin ein bedeutender und zukunftsweisender Teil des Ansatzes der Anthroposophischen Medizin. Man könnte auch sagen, dass es sich dabei um eine Erziehung zur Gesundheit handelt. In Deutschland liegt die Entscheidung, ob ein Kind geimpft wird oder nicht, bei den Eltern. Das ist richtig und sollte unbedingt so bleiben. Daher ist es umso wichtiger, dass die Eltern vom Kinderarzt umfangreich aufgeklärt werden und sich umfassend zu dem Thema „Impfen“ informieren. So bietet zum Beispiel das Robert-Koch-Institut auf seiner Internetseite einen guten Überblick. Hier werden auch die Nebenwirkungen aufgelistet, die in seltenen Fällen bei Impfungen auftauchen können. Darüber hinaus gibt es den Verein „Ärzte für individuelle Impfentscheidung“, auf dessen Internetseite Alternativen zu den Empfehlungen der am Robert- Koch-Institut angesiedelten ständigen Impfkommission genannt werden.

Herr Dr. Vagedes, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Kinder-Gesundheitsbuch

Dr. med. Jan Vagedes arbeitet als Oberarzt in der Abteilung Pädiatrie der Filderklinik bei Stuttgart und als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Tübingen. Gemeinsam mit dem anthroposophischen Kinderarzt Georg Soldner veröffentlichte er 2008 „Das Kinder-Gesundheitsbuch“. Das Handbuch der Kinderheilkunde vereint modernes schulmedizinisches Wissen und ganzheitliche Therapieverfahren. Eltern bietet das Werk umfassende und seriöse Hilfe bei der Vorbeugung und Behandlung aller wichtigen Kinderkrankheiten vom Säuglingsalter bis zur Pubertät. Darüber hinaus erfährt der Leser Wissenswertes rund um die Grundlagen der anthroposophisch erweiterten Medizin.

Weitere Informationen zum Thema Impfungen

  • Robert-Koch-Institut: www.rki.de (Link „Infektionsschutz“)
  • Ärzte für individuelle Impfentscheidung e. V.: www.individuelle-impfentscheidung.de
  • Dr. med. Martin Hirte: Impfen Pro & Contra. Das Handbuch für die individuelle Impfentscheidung. München: Knaur TB 2008.

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