
Die sonnengleiche Ringelblume vollzieht der Sonne Lauf mit ihren Blüten nach: Mit Anbruch des Tages öffnet sie ihre Blüten und verschließt sie, sobald die Sonne wieder untergeht. Dieses Gehen mit der Sonne wie ein Kalender veranlasste die Botaniker wohl, ihr den wissenschaftlichen Namen Calendula vom lateinischen calendae - das ist der jeweils erste eines Monats - zu geben. Wegen ihres schnellen und ungehemmten Wachstums trägt sie zurecht auch den Beinamen "Wucherblume". Ihr zum Teil aromatischer, aber auch an Verwesung erinnernder Geruch machte sie in der christlichen Mythologie zum Sinnbild für die Erlösung nach dem Tode. Mit ihrer unerschöpflichen Vegetationskraft war sie ein Zeichen für ewig dauerndes Leben und wurde von den Menschen als "Totenblume" auf die Gräber der Friedhöfe gepflanzt. Auch in Mexiko gilt sie als Blume des Todes, von der man glaubte, sie sei aus dem Blut der durch die spanischen Eroberer erschlagenen Indianer entstanden. Die goldgelbe Blume, auch Sonnenbraut genannt, war im Mittelalter der germanischen Göttin Freya und später der christlichen Maria geweiht.
Blumen, die an den wichtigsten Punkten im Sonnenlauf blühen und deren Form der Sonne ähnelt, galten immer schon als heilige Blumen. Zu ihnen gehörten neben der Ringelblume das Gänseblümchen, das Johanniskraut und die Wegwarte. Als Zauberpflanze durfte die Ringelblume bei keinem Liebeszauber fehlen. Pflanzte oder säte ein Mädchen die "Niewelkblume" in die Fußspuren des Geliebten, musste er - ob er wollte oder nicht - für immer zu ihr kommen. Auch in Spanien waren die Hexenmeister von ihrer Zauberkraft überzeugt und trugen sie als Talisman immer bei sich.